Auf dem sächsischen Friedhof in Weidenbach liegen nicht mehr und nicht weniger als der Staub und die Knochen unserer Vorfahren. Über hunderte von Jahren hat die Gemeinde sie dort begraben – jeden in „sein“ Familiengrab, im Tode vereint mit Vater und Mutter, Schwester, Bruder, Sohn und Tochter und deren Kindeskinder. Nach der großen „Flucht“ aus Weidenbach haben wir „Ausgewanderten“ zunächst die Pflege der zurückgebliebenen Gräber befreundeten „Dortgebliebenen“ gegen Zahlung eines Geldbeitrages übergeben. Das wird aber immer schwieriger, da die paar „Dortgebliebenen“ über 300 Gräber in ihrer Freizeit umsorgen müssten. Darüber wird in Weidenbach zurzeit heftig beraten, zumal schon ca. 90 ausgewanderte Familien ihre Gräber in Weidenbach der Kirche „überlassen“ haben, sprich, sich nicht mehr darum kümmern wollen. Ich will dieses mit einer kleinen Geschichte und meiner ganz persönlichen Schlussfolgerung kommentieren: 1996 war ich als Soldat der Bundeswehr unter anderem in der kroatischen Krajina eingesetzt , von wo die Kroaten – unterstützt durch die USA – die Serben wenige Monate zuvor vertrieben hatten. Wir suchten die Städte und Dörfer nach Überlebenden, Blindgängern und Minen ab und fanden auf allen Friedhöfen das gleiche Bild vor: die Gräber waren offen und leer. Die Serben – denen ihre Unterlegenheit schnell klar geworden war – hatten dennoch jedes Dorf solange verteidigt, bis die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren ausgegraben und auf die Flucht mitgenommen wurden. Kein Toter blieb in fremder Erde verlassen zurück, sie wurden alle in serbischer Erde erneut begraben.
Stellt Euch vor, unsere Vorfahren würden auferstehen und unser heutiges Tun sehen. Was würden sie wohl sagen? Ich denke, sie würden sich im Grabe umdrehen, um uns nicht in die Augen sehen zu müssen. Denn, dass wir heute leben, verdanken wir diesen Menschen, die Tränen, Schweiß und Blut vergossen haben. Und wir danken es ihnen, indem wir das letze, was an sie erinnert, aufgeben.
Wir lassen ihre Grabsteine schleifen und verkaufen die Gräber. Das ist erbärmlich, dazu fällt mir nichts ein, ich zitiere lieber Stephan Ludwig Roth:

Ist es im Rath der Geschichte beschlossen unterzugehen, so geschehe es auf eine Art, dass der Name der Vorfahren nicht schamroth werde…

In diesem Sinne spende ich für den Erhalt „verlassener“ sächsischer Gräber auf dem Weidenbächer Friedhof und bitte alle noch lebenden Kinder und Kindeskinder der dort begrabenen Sachsen, ihre Vorfahren nicht der Namenslosigkeit preiszugeben. Der Name auf dem Grabstein ist nämlich das allerletzte, was sie auf Erden noch verlieren können.

 

Von Hans Prömm geschrieben im November 2008.